

Citrus will edgy sein, will provozieren, will Skandal. Was es liefert, ist ein halbgarer Pseudo-Tabubruch mit emotionaler Reife auf Pausenhofniveau. Der Anime verkauft sich als forbidden love story zwischen zwei Stiefschwestern, hat aber nicht den Mut, das Thema wirklich auszureizen – stattdessen drückt er immer dann den Reset-Knopf, wenn es spannend werden könnte.
Jede Beziehungsentwicklung wird mühsam aufgebaut, nur um in der nächsten Folge wieder ignoriert zu werden – wie eine Seifenoper, die sich nicht entscheiden kann, ob sie Drama oder Fanservice sein will. Und diese ganze "Aber wir sind ja nicht blutsverwandt"-Nummer ist eine durchschaubare Notausgangsstrategie, um sich moralisch abzusichern, während man gleichzeitig von Sekunde eins das "Wir sind jetzt Familie"-Narrativ mit der Dampfwalze einführt. Das ist nicht kontrovers – das ist feige.
Dazu kommen Charaktere, die sich selbst nicht verstehen, geschweige denn einander – und das spürt man auch als Zuschauer. Es wirkt wie eine Geschichte, die ständig gegen ihre eigenen Figuren arbeitet, statt mit ihnen.
Die Figuren?
Platt wie Werbekarton. Yuzu ist ein wandelndes Klischee aus frecher Oberflächlichkeit und gelegentlicher Selbstzweifelpose. Mei hingegen wirkt, als sei sie ausschließlich dafür geschrieben worden, grüblerisch aus dem Fenster zu schauen und dann plötzlich übergriffig oder widersprüchlich zu handeln – nicht, weil es dramaturgisch Sinn ergibt, sondern weil der Anime möglichst viele „Tabu-Momente“ provozieren will. Emotionale Konsistenz? Keine Spur. Ihre Handlungen sind weder nachvollziehbar noch psychologisch fundiert. Sie existieren primär als Schockfaktor, nicht als echte Charaktere.
Und die Nebenfiguren? Dienen nicht etwa dazu, die Geschichte zu vertiefen oder die Hauptbeziehung zu spiegeln – nein, sie sind reine Dramabeschleuniger. Besonders hervorzuheben (leider) ist hier die Vize-Schülersprecherin, die sich wie ein Antagonist aus einer schlechten Fanfiction benimmt: kontrollierend, manipulativ, mit Null Tiefgang. Sie taucht nur auf, um die fragile Beziehung zwischen Yuzu und Mei zu sabotieren – allerdings nicht auf eine interessante oder glaubwürdige Weise, sondern schlicht, weil es gerade „spannend“ sein soll.
Noch absurder wird es gegen Ende. In den letzten Folgen tauchen plötzlich zwei Figuren auf, die sich wie 10-jährige verhalten – wohlgemerkt in einer Geschichte, die sich selbst ernst nimmt. Ihre Logik: „Ich habe Mei einmal gesehen, deswegen muss ich jetzt mit ihr zusammen sein.“ Und Mei? Die Figur, die zuvor immerhin noch den Anschein innerer Zerrissenheit aufrechterhielt? Antwortet gefühlt mit: „Jup, passt. Lass machen.“ Das ist keine Liebesgeschichte mehr – das ist eine schlecht getarnte Absurdität, die mit jeder weiteren Szene mehr Respekt vor ihren Zuschauern verliert. Diese Entwicklung ist dermaßen plump, so hanebüchen plakatiert, dass man sich fragt, ob sich die Personen, die das inszeniert haben, jemals mit realen Menschen unterhalten haben.
Fazit: Citrus ist wie jemand, der dir ins Gesicht flüstert: „Ich bin so kontrovers“, aber dann beim kleinsten Risiko den Rückzieher macht. Provokation ohne Konsequenz ist kein Mut – es ist Clickbait in Serienform.
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