
a review by Ihmcheck

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Review – 86 Eighty Six
Hier wird hemmungslos gespoilert weil es geht nicht anders wenn man über die Serie sprechen möchte.
Ganz ehrlich: Über 86 zu sprechen fühlt sich ein bisschen wie eine Mammutaufgabe an. Das ist keiner dieser Anime, die man in zwei Sätzen zusammenfassen kann, um am Ende zu sagen: „Ja, war ganz nett.“ Allein schon eine saubere Plotzusammenfassung würde den Rahmen sprengen, weil die Serie gleichzeitig Charakterdrama, politisches Weltbild und Antikriegsnarrativ sein möchte. Und genau deshalb werde ich auch gar nicht erst versuchen, jeden Plotpoint akkurat abzuhandeln. Stattdessen möchte ich versuchen, ein Gefühl dafür zu vermitteln, was diese Serie eigentlich ausmacht.
Denn 86 ist im Kern kein Mecha-Anime. Es ist ein Antikriegsdrama.
Die Welt der Serie ist in mehrere Lager aufgeteilt: das Reich von San Magnolia, die sogenannten „86“, die für dieses Reich kämpfen müssen, und später das Empire of Giad. Doch was diese Konstellation interessant macht, ist nicht nur der geopolitische Konflikt, sondern vor allem, wie die Serie mit ihren Figuren umgeht.
Der Anime hat nämlich den Mut, seine Charaktere wirklich als vergänglich darzustellen.
Ein besonders starkes Beispiel dafür ist die Unterkunft der 86. Dieser Ort wird im Laufe der Serie zu so etwas wie einem Zuhause – nicht nur für die Figuren selbst, sondern auch für den Zuschauer. Die Charaktere prägen diesen Ort mit ihrem Alltag, ihren Gesprächen, ihren kleinen Momenten von Normalität inmitten eines brutalen Krieges. Doch genau darin liegt auch die Tragik. Denn nach und nach verschwinden immer mehr Bewohner dieses Hauses.
Man startet mit einer ganzen Schwadron – vielleicht zwanzig oder dreißig Figuren – und am Ende bleiben nur noch wenige übrig.
Das Haus selbst wird dadurch zu einer Art Parabel für den Verlauf des Krieges: ein Ort voller Leben, der langsam leerer und stiller wird. Gleichzeitig ist dieses Zuhause auch ein Gefängnis. Die 86 sind gezwungen zu kämpfen, ohne Aussicht auf echte Freiheit. Und genau diese Ambivalenz – zwischen kurzen Momenten von Glück und der permanenten Präsenz des Todes – ist eine der größten Stärken der Serie.
Einen besonderen Blick auf diese Welt bekommen wir durch Vladilena Milizé, eine Handlerin aus dem Reich Magnolia. Sie ist gewissermaßen eine Systemgegnerin innerhalb eines Systems, das auf Entmenschlichung basiert. Während die Mehrheit der Bevölkerung die 86 lediglich als Werkzeuge betrachtet, erkennt Lena sie als Menschen an.
Das klingt zunächst nach einer klassischen moralischen Protagonistin, doch gerade ihre Position macht vieles komplizierter. Lena steht auf der Seite eines Systems, das sie eigentlich ablehnt. Sie ist Teil der Struktur, die diese Menschen ausbeutet, auch wenn sie versucht, ihnen mit Würde zu begegnen.
Damit berührt die Serie eines ihrer zentralen Themen: Ideologie.
86 erzählt nicht nur vom Krieg selbst, sondern auch von den gesellschaftlichen Mechanismen dahinter. Die Bevölkerung Magnolias lebt in einer Art ideologischer Blase. Man redet sich ein, dass dieser Krieg mit autonomen Drohnen geführt wird, während die Realität eine völlig andere ist.
Die sogenannten Alba, das dominierende Volk Magnolias, werden dabei visuell sehr klar dargestellt: blaue Augen, silbernes Haar. Dieses ästhetische Ideal wird zur Norm erhoben, während alle anderen Gruppen systematisch ausgegrenzt werden. Gerade dadurch gelingt der Serie eine eindrucksvolle Darstellung von strukturellem Rassismus. Die Gesellschaft wird so erzogen, nur diese eine Form von „Schönheit“ und Zugehörigkeit anzuerkennen.
Innerhalb dieses Systems entstehen einige der eindrucksvollsten Momente der Serie.
Ein besonders harter Moment ist der Tod von Kaie, auch bekannt als „Kirschblüte“. Viele Zuschauer konnten vielleicht schon erahnen, dass sie sterben würde. Doch der eigentliche Schlag kommt nicht durch die Überraschung ihres Todes, sondern durch den Moment selbst. Ihr verzweifeltes „Ich will nicht sterben“ trifft mit voller Wucht.
Unmittelbar danach folgt Theos emotionaler Ausbruch gegen Lena. In dieser Szene wird ein grundlegender Unterschied zwischen den beiden Welten ausgesprochen: Während Lena den Krieg aus sicherer Distanz erlebt, ist er für die 86 eine tägliche Realität.
Eine weitere erschütternde Wahrheit der Serie betrifft die sogenannte Spearhead-Schwadron. Lange Zeit existiert die Hoffnung, dass die 86 nach fünf Jahren Kriegsdienst ihre Bürgerrechte erhalten könnten. Doch irgendwann wird klar: Das ist eine Lüge. Die Spearhead-Einheit ist eine Selbstmordmission. Jeder Soldat wird früher oder später dort landen – und sterben.
Auch die Enthüllung über die Legion gehört zu den stärksten Momenten der Serie. Der Krieg wird niemals enden, weil sich die Maschinenarmee immer wieder neu formiert – aus den Gehirnen der gefallenen Soldaten. Diese Idee verleiht dem Konflikt eine fast schon nihilistische Dimension.
Trotz all dieser Stärken ist 86 jedoch nicht frei von Schwächen.
Teilweise leidet die Handlung unter auffälligen Zufällen. Figuren begegnen sich auf riesigen Schlachtfeldern wieder oder besitzen plötzlich genau die Verbindungen, die für den Plot benötigt werden. Das wirkt manchmal etwas konstruiert.
Auch das Thema Rassismus wird stellenweise sehr direkt angesprochen, ohne immer visuell gezeigt zu werden. Hier hätte die Serie stärker auf das Prinzip „show, don’t tell“ setzen können.
Und schließlich bleibt auch Lena selbst manchmal etwas widersprüchlich geschrieben. Ihre offene Kritik am System wirkt teilweise unrealistisch für eine Gesellschaft, die so stark von Propaganda geprägt ist.
Trotzdem bleibt am Ende ein sehr starkes Gesamtbild.
86 ist eine Serie, die viele schwere Themen aufgreift: Krieg, Rassismus, Ideologie, Schuld und Hoffnungslosigkeit. Gleichzeitig bleibt sie in ihrer Darstellung oft zugänglicher als vergleichbare Werke aus anderen Medien.
Vielleicht ist sie deshalb so effektiv.
Sie zeigt die Grausamkeit des Krieges, ohne den Zuschauer vollständig zu überwältigen. Und gerade dadurch schafft sie es, ihre Botschaft zu vermitteln.
Für mich ist 86 Eighty Six deshalb so etwas wie ein zugänglicher Einstieg in Antikriegsnarrative – ein Anime, der komplexe Themen behandelt und dabei trotzdem emotional funktioniert.
Und genau deshalb bleibt er mir auch so stark im Gedächtnis.
7.5 out of 11 users liked this review